Marokko – der Trailer

Wir sind zurück aus der Wüste, zurück im herbstlichen Europa, und staunen, wie sich die Farben gleichen: Hier wie dort Braun-, Orange- und Gelbtöne. Im Gepäck haben wir einige Geschichten, die noch nicht erzählt sind: Zu abgelegen waren die Pisten, die uns zurück in den Norden führten, tagelang erreichte uns kein Signal, und irgendwann verliess uns das Bedürfnis, alles festzuhalten, abzuspeichern, wiederzugeben, wir legten die digitalen Helferlein beiseite und ergaben uns der Wildnis, der Wüste, die mit ihrer Stille auf uns abfärbte, bis wir selbst nicht mehr viele Worte brauchten. Nun muss ich erst wieder zu meiner üblichen Gesprächigkeit zurückfinden, dann werde ich mich hinter die Geschichten klemmen, die noch darauf warten, ausgepackt zu werden. In der Zwischenzeit lassen wir die Bilder sprechen, die ich auf der Fähre von Tanger nach Genua spasseshalber zu einem kleinen Trailer aneinandergereiht habe. Es gibt nur einen Namen für Abenteuer, aber seht selbst!

 

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Südwärts

Wir rollen durch den Bauch der Wüste, südwärts. Hinter dem Wüstenstädchen M’hamid lockt der Erg Chegaga mit seinen orangefarbenen Dünen. Es wird Abend, wir knabbern an der algerischen Grenze. Micha meldet sich über Funk: „Haltet die Fiches bereit, da vorne kommt ein Militärposten!“ Ein älterer Mann in Trainingsanzug und Badeschlappen und ein jüngerer in glattgebügelter Uniform lösen sich aus dem Schatten eines rosafarbenen Flachbaus und eilen auf uns zu. Die Piste, erklären sie uns sehr freundlich, sei gesperrt, zu gefährlich, zu grenznah, die Schmuggler. Wir müssten einen Umweg fahren, und ob wir vielleicht so nett wären, bei dieser Gelegenheit den Kollegen mitzunehmen, den jüngeren in Uniform, der wolle nachhause und sein Ort liege zufällig am Weg. Jetzt erst fällt mir auf, dass der jüngere Soldat einen fertig geschnürten Ranzen neben sich abgestellt hat. Wir „willigen ein“ und fragen, ob es möglich sei, die Nacht hier zu verbringen, in einer Stunde ist es dunkel. „Kein Problem“, sagt der Ältere, „fühlt euch wie zuhause!“ Unser Zuhause also für eine Nacht: Der Exerzierplatz eines Militärpostens, der sich, weil er so eben ist, hervorragend für eine Partie Fussball eignet. Fussball, pas de probleme, und auch gegen unser übliches Lagerfeuer haben sie nichts einzuwenden, der Commandante schleppt sogar eigenhändig einen knorrigen Palmstrunk herbei, der genau so brennt, wie er aussieht: unspektakulär, aber ausdauernd. Am nächsten Morgen steht der junge Soldat bei Sonnenaufgang bereit, und sein Lächeln verrutscht ihm nur einmal, als wir mit unserer Kamera den Militärposten ins Visier nehmen wollen: Fussball ja, Erinnerungsfotos nein!

Die Extratour, über eine widerspenstige Gebirgskette und durch enge, verwinkelte Oasendörfer, kostet uns viel Zeit. Janis knabbert an Häuserwänden und Brückengeländern, wir müssen oft anhalten. Als wir M’hamid erreichen, senkt sich bereits die nächste Nacht über die Sahara und mit ihr ein steifer Wind, der über die Strassen fegt und an den Dünen zerrt. Was ich erst für Nebel halte, ist Sand, feiner Wüstensand, der bald wie ein dichter orangefarbener Schleier über der Landschaft liegt und unaufhaltsam in die feinsten Ritzen dringt. Am nächsten Morgen waschen wir uns Sand aus den Augen, aus den Ohren, aus der Nase. Fünf Minuten später ist er wieder da. Wir kapitulieren und ziehen uns in eine Pension zurück, sitzen hinter verschlossenen Fenstern, die Luft dick wie Suppe. Zwei Tage hält uns der Sturm umklammert, dann lässt der Wind nach. Es kann weitergehen.

Nun trennt uns nur noch eine sandige Piste von Erg Chegaga. Anfangs ist uns ein bisschen bang, Janis hatte im Sand schon das eine oder andere Gewichtsproblem, aber heute sind uns die kleinen Dünen freundlich gesinnt, wir nehmen Schwung, driften talwärts, es fühlt sich ein bisschen an wie Skifahren. In der Mittagssonne erreichen wir Erg Chegaga, teilen uns eine Brotzeit mit einer Herde neugieriger Esel, und dann ist für uns Endstation, Janis ist einfach zu schwer, kommt nicht weiter im weichen Sand.

Sundance und ich packen einige Sachen für die Nacht zusammen und lassen uns von den beiden Unimogs unserer Reisegefährten mitnehmen ins Herz der Dünenlandschaft. Als es dunkel wird, setzen wir in Tines gusseisernem Topf ein Käsefondu auf und essen genüsslich, die nackten Füsse im Sand. Später kriechen Sundance und ich in unsere Schlafsäcke, verbringen die Nacht unter einer funkelnden Milchstrasse, wie ich sie lange nicht mehr gesehen habe, und ich bin Janis überhaupt nicht böse, dass sie hier für einmal an ihre Grenzen gestossen ist.

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Im Rhythmus der Piste

Die dunkelbraune Erde unter unseren Rädern verströmt eine rohe Kraft, gleichermassen ausgemergelt und zäh, reglos, aber unmerklich pulsierend wie ein Tier in Lauerstellung, und eine flirrende Unruhe durchströmt mich, trotz der eigentlichen Ödnis da draussen, des sich seit zwei Tagen kaum verändernden Landschaftsbildes. Der vor uns fahrende Unimog hüllt sich komplett in eine gelbe Staubwolke, die er hinter sich herzieht wie einen Kokon. Ich weiss nicht so richtig wohin mit meiner überschüssigen Energie, es gibt im Moment nichts zu tun und auch nichts zu reden. Sundance lenkt konzentriert und ist ganz in den monotonen Schaukelrhythmus der Piste versunken; einen Rhythmus, der keine Worte braucht. Also fotografiere ich durch das Fenster, schiesse lauter Bilder, die sich gleichen, eine braune, gewellte, mit spitzen schwarzen Steinen übersäte Mondlandschaft vor einem endlosen Himmel in einem so verwaschenen Blau, als hätte das Sonnenlicht selbst ihn gebleicht.

So geht das stundenlang, der Rhythmus wird nur gebrochen, wenn wie aus dem Nichts eine schwarz verhüllte Nomadin mit ihrem Kind auf dem Arm am Pistenrand auftaucht und wir anhalten, um sie mit den mitgebrachten Kleidern einzudecken. Michael, der einen kleinen tragbaren Drucker mitgenommen hat, zückt manchmal seinen Fotoapparat und erstellt Portraits für die Familien. Ein hochaufgeschossenes Mädchen mit wachen Augen erschrickt, als er den Auslöser betätigt, und verharrt mit sorgenvoll umwölkter Stirn neben dem Unimog, nimmt den Ausdruck mit spitzen Fingern entgegen, schaut sich das seltsame Papier an, und dann kommt Leben in sein Gesicht, der Mund kräuselt sich zu einem lautlosen O, und als ich mit einem bunten Schal winke, den ich in meiner Klamottenkiste gefunden habe, hat sich seine Körperhaltung komplett gewandelt, hüpft es mir mit blitzenden Augen entgegen und nimmt mir das Tuch mit einer eleganten Handbewegung ab.

Die Piste reduziert uns auf einige wenige Handgriffe – lenken, schalten, Luft aus den Reifen lassen und wieder auffüllen – und auf einen vorausschauenden Blick. Mit jedem Versuch, eine steile Anhöhe zu erklimmen, uns durch den weichen Sand einer Düne vorzuarbeiten, werden die Bewegungsabläufe ruhiger, unaufgeregter, mechanischer. Es ist für mich eine neue Art zu reisen, diese pragmatische Art, mit Hindernissen fertigzuwerden, dieses oft wortlose und wertfreie Aufnehmen von gemächlich vorbeiziehenden Eindrücken. Ich versuche, darüber nachzudenken, ob mir das wirklich liegt, tage-, wochen-, monatelang, und stelle fest, dass mir das Denken auf der Piste schwer fällt. Schlaglöcher und Unebenheiten lassen meine Gedanken durcheinanderpurzeln, kaum habe ich einen zu fassen bekommen. Es ist aber durchaus kein schlechtes Gefühl, so im Moment verhaftet zu sein, ohne einzuordnen, auszuwerten, abzuhaken.

Und dann, hinter einem Hügel, der nicht anders aussieht als alle anderen davor, bläst ein Meer aus Palmen zum Angriff auf unsere Netzhaut. Wir sind im ersten Moment richtig schockiert über das viele Grün, waren nicht darauf gefasst, hier und jetzt auf eine Oase zu treffen, auf eine so grosse. Wir sind in der Wüstenstadt Zagora. In der Innenstadt weicht der metallische Geruch von Sand und staubiger Erde einem Potpourri aus Gewürzen, Diesel und brennendem Plastik. Das Gewusel auf dem Markt, die kleinen, bis unter’s Dach vollgestopften Krämerläden, das übersteuerte Schnarren der Muezzins aus scheppernden Lautsprechern – diese Melange ist mir aus Indien so vertraut, dass sich hier, mitten in der Sahara, ein wohliges, anheimelndes Gefühl in mir ausbreitet.

Ein kräftiger, wettergegerbter Jugendlicher auf einem Eselskarren spricht mich an, und seine glockenhelle Stimme steht seltsam im Kontrast zu seiner Erscheinung. Er steckt mir ein aus einem Palmenblatt geflochtenes Fabeltier zu und will als Gegenleistung Bonbons, einige Dirhams oder wenigstens ein Bisous, aber sein Eselchen, das ein Gesicht macht, als würde es von keinem Menschen auf der Welt geliebt, macht ihm einen Strich durch die Rechnung und brennt durch. Der Junge hat alle Hände voll damit zu tun, den rumpelnden Karren um den nächsten Graben herumzumanövrieren. Die Gegenleistung ist vergessen.

Hier in Zagora werden wir nun, nach einer Woche Trekking durch die Sahara, einige Tage verbringen, Schwarztee mit Thymian (der so bitter ist, dass er ungesüsst nicht geniessbar ist) trinken und Datteln direkt von der Palme essen, uns Schmuck andrehen lassen, der wahrscheinlich nicht aus Silber ist, und in der Laiterie süssen, dickflüssigen Jus d’Avocat trinken, bevor es übermorgen wieder zurückgeht in den Bauch der Wüste, wo Janis uns weitertragen wird über Stock und Stein, Inschallah.

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Zimtdünen und Schokoladenberge

Mahagoni. Zimt. Kakao. Milchschokolade. Karamell. Espresso. Haselnuss. Kupfer. Gold. Sepia. Umbra. Ocker. Bordeaux. Aubergine. Ich habe noch nie eine so endlose Palette unterschiedlicher Brauntöne gesehen wie im Atlasgebirge. Irgendwann nennen wir sie nur noch die Schokoladenberge Marokkos. Die karge Gebirgslandschaft ist von einer ganz eigentümlichen Schönheit. Wir schrauben uns unmerklich hoch auf 2800 Meter, vorbei an winkenden Kindern, an Schafherden und uralt aussehenden Hirten, die uns um Zigaretten anschnorren, an schwarz verhüllten, schwer beladenen Frauen, die mal erschrocken, mal erstaunt den Konvoi beäugen, der da an ihnen vorbeizieht. Die Kinder rennen uns hinterher, wenn wir uns durch Dörfer schlängeln, die kaum mehr sind als eine halbes Dutzend scheinbar willkürlich in die Landschaft geworfener Lehmhütten. Nachts wird es kalt, dann wärmt eine kräftig gewürzte Tajine – und ein ordentlicher Schluck Rotwein.

Irgendwann verlassen wir die Strasse, die ohnehin nicht viel mehr ist als ein auf die Erde getupfter Klecks Asphalt, und wagen uns auf die Piste. Die beiden Unimogs unserer Reisegefährten klettern die engen Serpentinen hoch und wieder ‚runter wie Bergziegen – Janis tut sich da schon schwerer, im Wortsinn. Die zwölf Tonnen schieben gewaltig, und die sieben Meter Länge machen sich in aller Deutlichkeit bemerkbar. Mir bleibt das Herz stehen, als wir in einer Spitzkehre noch einmal zurücksetzen müssten – und statt dessen erstmal einen gewaltigen Satz nach vorne machen. Direkt vor uns geht’s hunderte von Metern in die Tiefe, senkrecht. Dagegen war die Festfahr-Aktion am See der reinste Kindergeburtstag. Der Felsvorsprung, an dem wir uns vorbei quetschen müssen, macht uns auch nicht viel mehr Freude. Janis kann Piste, keine Frage, aber es ist oft genug Milimeterarbeit. Pures Nervengift also. Ich als Beifahrerin vertreibe mir die Zeit damit, mich irgendwo festzukrallen, und habe abends Fingermuskeln wie ein Bergsteiger.

Wir verlassen das Atlasgebirge und fahren in Richtung Wüste. Dünen, richtige hohe Dünen wie aus tausend und einer Nacht – für mich ein Kindheitstraum. Dass wir uns, ohne Luft aus den Reifen zu lassen, in den Sand wagen, bremst uns allerdings erstmal aus. Festgefahren, zum zweiten! Der Frust ist zunächst gross. Zumal uns die Unimogs wieder um die Ohren fahren, leichtfüssig wie die Dromedare, die in einiger Entfernung an uns vorbeischaukeln. Müssen wir heute wieder ein Bergebier ausgeben? Wir versuchen’s erstmal mit weniger Luft, und siehe: Mit 3,5 statt 6 Bar gleiten wir über den Sand, als hätten wir nie etwas anderes getan. Braves Mädchen!

Als wir im Wüstenstädchen Merzouga ankommen, regnet’s. Ein Regenbogen spannt sich über den Palmenwald und die dahinter aufragenden Dünen, die in der immer wieder durchdrückenden Abendsonne aussehen wie mit Zimt überzogen. Ich weiss nicht, wie’s euch geht, aber mir passiert es nicht allzu oft, dass irgend etwas genau so aussieht wie in meiner Vorstellung. Mein Kopfkino ist in der Regel spektakulärer als die Realität. Nicht so hier: Die Wüste ist atemberaubend! Der anhaltende Regen hat den Sand festgebacken und trittfest gemacht. Wir nutzen die Gelegenheit und klettern auf die höchste Düne. Blinzeln in den Sonnenuntergang. Sind einfach nur wunschlos glücklich.

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Janis 2.0

L’Afrique, c’est chic: Janis rollt wieder! Wir sind in Marokko, und weil wir den Brummi nicht in schneewittchenweiss in die Wüste schicken wollten, haben wir ihm einen neuen Anstrich verpasst. Dass sich ein neuer Look offenbar auch auf die Persönlichkeitsstruktur auswirkt, haben wir dabei nicht bedacht. Jedenfalls mutierte Janis abseits befestigter Strassen innerhalb weniger Tage zur totalen Draufgängerin, aber seht selbst. Wir sind derzeit schlicht noch zu geschafft für viele Worte und servieren euch die Story des Tages deshalb in Bild und Ton. Enjoy!

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Kein Nachtcafé in Arles

Ihr kennt bestimmt das berühmte Bild von Van Gogh, das gar nicht „Nachtcafe in Arles“ heisst, wie ich immer gedacht habe, sondern „Cafeterrasse am Abend“. Es zeigt, unter einem fast psychedelisch strahlenden Sternenhimmel, ein gelb getünchtes südfranzösisches Haus mit Terrasse. Ich hatte als Jugendliche einen schweren frankophilen Schub (der mittlerweile chronisch geworden ist) und war total in dieses Bild verliebt. Ein Poster davon hing jahrelang in meinem Zimmer, und deshalb – um zu gucken, was aus dem Nachtcafe geworden ist, falls es denn jemals existiert hat – wollen wir nach Arles. Eigentlich.

Aber dann werde ich nachts, zum ersten Mal in meinem Leben, seekrank. Der scharfe Wind, der uns auf dem Rückweg zu unserem Stellplatz schon schwer zugesetzt und uns um ein Haar von unseren Rädern geschmissen hätte, schwillt nachts zu einem Orkan an und wirft unser Büdchen auf Rädern hin und her wie ein Schiff auf hoher See. Sundance, der alte Seebär, schläft  einfach weiter. Ich hingegen liege wach, und dann geht irgendwann die Sonne auf, und der Wind wird nicht weniger. Ich schaue den Bäumen dabei zu, wie sie sich im Wind biegen wie Strohhalme, bis Sundance – vollkommen ausgeschlafen – aus den Federn kriecht.

Wir checken den Wetterbericht und stellen fest, dass im 30 Kilometer entfernten Arles genau derselbe Wind bläst. Wir sind ja beide nicht aus Zucker, aber die Kombination „Minustemperaturen und Orkanböen“ lädt nicht zu Sightseeing ein. Und deshalb beschliessen wir, ohne weitere Umwege Kurs auf die Schweiz zu nehmen.

Sundance übernimmt die erste Schicht, mit einem Liedchen auf den Lippen: „Sur le pont d Avignon…“ Ja, Avignon wäre auch gleich um die Ecke gewesen. Aber ob Avignon, Arles oder die Camargue – richtig schön ist’s da doch im Frühling oder im Sommer! Wenn man durch die Gegend radeln kann, ohne Frostbeulen anzusetzen. Wir kennen und können Janis bei Minustemperaturen, das haben wir uns mittlerweile zur Genüge bewiesen, aber eine masochistische Ader haben wir beide nicht. Wir ergeben uns der Kälte und gönnen Janis die paar Wochen Winterschlaf, bevor’s dann richtig losgeht.

Es wird ruhig werden hier im Blog in der nächsten Zeit. Nichtsdestotrotz: Schaut ab und zu mal vorbei! Bei Enfantfou & Sundance Kid weiss man nie…

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Manitas de Plata

Die Sache mit dem Eisschrank hab‘ ich eigentlich nicht wörtlich gemeint. Als wir jedoch in Saintes-Maries-de-la-Mer in der Camargue ankommen, sind die kleinen Seen der Region mit einer dicken Eisschicht überzogen, und selbst die Küste ist weiss gepolstert. Ich habe „Eis“ bis anhin nicht mit „Strand“ in Verbindung gebracht, und meine Synapsen brauchen eine Weile, bis sie sich an diese merkwürdige Koexistenz gewöhnt haben. Ausserdem geht ein scharfer Wind, der uns in der Lunge brennt, als wir uns tapfer auf unsere Bikes setzen und ins Städtchen radeln. Als Sundance vor vielen Jahren schon einmal hier war, bestand das Kaff aus einer Kirche, zwei Fischrestaurants und einem langen Sandstrand mit viel Platz für Hippies und ihre VW-Busse. Inzwischen ist Saintes-Maries-de-la-Meer zu einer mittelgrossen Touristenstadt angeschwollen, die Strände sind für Fahrzeuge nicht mehr zugänglich, und es dauert eine Weile, bis wir einige Kilometer ausserhalb endlich einen Platz finden, wo wir uns hinstellen können.

Fahrradtrips bei Minustemperaturen machen nur dann Spass, wenn man arktistauglich angezogen ist. Wir sind’s nicht. Als wir in der Fussgängerzone endlich ein Fischrestaurant finden, das geöffnet ist, schweigen wir uns über unsere Moules Frites hinweg erstmal eine ganze Weile an. Nicht, weil wir uns nichts zu sagen hätten, sondern weil uns die Kiefermuskulatur eingefroren ist. Nach dem zweiten Glas Wein geht’s wieder, und Sundance erzählt, wie das damals war mit Saintes-Maries-de-la-Mer und Manitas de Plata: „Als ich zum ersten Mal in Saintes-Maries-de-la-Mer war, anlässlich eines Zigeunertreffens – das muss so 1969 gewesen sein – befand sich Frankreich im Generalstreik. Das heisst, dass wenig Touristen da waren. Es gab nämlich weder Benzin, noch fuhren öffentliche Verkehrsmittel, insofern waren die Zigeuner quasi unter sich, und das waren so an die 3000. Überall wurde musiziert für die heiligen Marien, die Schutzpatroninnen der Zigeuner, die alljährlich mit ihrem kleinen Boot an Land gebracht wurden (und übrigens immer noch werden).

Ich entdeckte einen fantastischen Gitarrenspieler, der im Sand sass und für seine Sippe spielte, und rief meine Freunde zusammen. Einer fragte mich: „Weisst du, wer das ist?“ Ich: „Keine Ahnung! Jedenfalls spielt er gut!“ Er: „Junge, das ist Manitas de Plata!“ Und tatsächlich: Der Mann, der sonst die Carnegie Hall füllte, sass da und gab ein kostenloses Open Air Konzert. Dann waren die Festivitäten zu Ende, aber nicht der Generalstreik. Also gab es weiterhin kein Benzin, und keiner kam aus Saintes-Maries wieder weg, jedenfalls nicht mit dem Auto. Und so sah man eine lange Schlange von Auto schiebenden Zigeunern und wenigen Touristen sich in Richtung Arles bewegen. Natürlich stand an jeder Tankstelle „Plus d’Essence“. Aber mit viel Überredungskunst und dem Hinweis, dass man doch Tourist sei, haben wir dann doch einige Liter bekommen, um unseren R4 in Richtung Heimat zu bewegen.“

Auch wir bewegen uns unaufhaltsam in Richtung Heimat. Obwohl, das stimmt so nicht: Wir bewegen uns in Richtung festen Wohnsitz. Die Heimat, die haben wir mittlerweile im Gepäck. So long!

Manitas – wie klang der noch gleich? (achtet bei Minute 1:54 auf die Frage der Interviewerin: „Une grande plage de Sable en Camargue?“, da geht’s um Sainte-Maries-de-la-Mer!)

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Like a Rolling Stone

Die gute Nachricht: Wir haben einen Stellplatz gefunden (danke, Chrigu)! Die schlechte: Wir werden ihn schon bald in Anspruch nehmen müssen. Unser Abenteuer-Restguthaben ist mittlerweile auf 4 Tage zusammengeschrumpft, und nach einem kleinen Abstecher nach Calpe zu Freunden von Sundance sind wir nun definitiv auf dem Rückweg. Noch fahren wir unter der milden Frühlingssonne Spaniens, aber der Eisschrank Mitteleuropa lauert bereits hinter Barcelona, und spätestens ab der französischen Grenze wird es nicht mehr in erster Linie darum gehen, das lauschigste, abgelegenste Plätzchen für die nächste Nacht zu finden. Statt dessen werden wir uns um Winterdiesel kümmern und höllisch aufpassen müssen, dass uns der Wassertank nicht einfriert.

Wir sind nicht gerade scharf darauf. Denn obwohl es – rückblickend – bestimmt Erholsameres gibt, als sich vier Wochen lang auf ein Gefährt wie Janis einzustimmen und dabei kein Risiko zu scheuen: Wir könnten jetzt so weitermachen. Jep, Janis ist unser Ding! Und Spanien im Januar hat seinen ganz eigenen Charme. Mit etwas Wille zu Kreativität (Sundance nennt das meinen „Pfadfinder-Elan“) gibt’s unweit der oft so hirnlos mit Betonschachteln zugebauten Küsten wahnsinnig viel Schönes zu entdecken.

Bevor wir heute Morgen aufgebrochen sind, haben wir bei Andy und Elisabeth nochmal einen Blick auf die Weltkarte geworfen und festgestellt, wie klein Spanien ist im Vergleich zu dem, was wir uns vorgenommen haben. Wir haben in den letzten 4 Wochen knapp 6000 Kilometer zurückgelegt – ein Spaziergang, gemessen an den vielen Tausend Kilometern der Panamericana – und mich hat die Vielfalt der Landschaft jetzt schon in Erstaunen versetzt: Wir waren in der Wüste und kurz darauf am Meer, haben schneebedeckte Gipfel und blühende Täler hinter uns gelassen, sind zwischen meterhohem Schilf herumgekurvt, um uns 5 Minuten später fast übergangslos im Trubel einer mittleren Grosstadt wiederzufinden. Faszinierend, diese Diversität. Dass wir die so intensiv wahrnehmen, ist wahrscheinlich der Tatsache geschuldet, dass wir jeden einzelnen Kilometer buchstäblich erfahren.

In diesem Sinne, Bobby, wenn du fragst: „How does it feel to be on your own, with no direction home, like a complete unknown?“ Dann antworte ich dir: „It feels damn good!“ 🙂

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Die kleine Bucht bei Rodalquilar

Tschüs, kleine Bucht bei Rodalquilar! Oder, um es mit Jack Kerouac zu sagen: „Es war schön. Das Zartrosa verschwand, und dann war alles purpurne Dämmerung, und der Schrei der Stille war wie die Brandung diamantener Wogen, die durch die flüssigen Pforten unserer Ohren brausen und einem das Gefühl geben: Mehr brauchst Du nicht, um die nächsten tausend Jahre ruhig und zufrieden zu sein.“

5 Tage lang warst du unser Zuhause, hast uns spektakuläre Sonnenaufgänge und fast surreal klare Mondnächte geboten, wir haben uns, um einkaufen zu gehen, an den Serpentinen in deiner Umgebung abgestrampelt – die Fahrräder wollen ja auch mal bewegt werden – und nachts dem Wiegenlied deiner Brandung gelauscht. Das Türkisblau deiner Wellen hat mich irgendwann so gelockt, dass ich nicht widerstehen konnte und mich trotz heftigem Wind und Wassertemperaturen von ca. 12°C zu einem Bad hinreissen liess. Ich friere jetzt noch und bin dankbar, dass Sundance, der das Ganze misstrauisch und aus sicherer Entfernung verfolgte, sofort mit einem heissen Grog zur Stelle war.

Dankbar sind wir auch der Guardia Civil, die immer wieder mal hier aufgekreuzt ist, uns aber stets in Ruhe gelassen hat! Denn wild campieren ist hier (und wohl prinzipiell an Spaniens Küsten) verboten, und bevor wir morgen definitiv vom Platz gejagt werden, brechen wir von selbst auf, in Richtung Norden, zurück in den Winter. Wir verlassen dich wirklich ungern, kleine Bucht, der Aufbruch in kältere Gefilde fällt äusserst schwer. Sei dir gewiss, wir werden wiederkommen! Denn du bist das Bild, das jeder Reisende vor Augen hat, wenn er, von Sehnsucht getrieben, zu seiner nächsten Destination aufbricht. Hasta luego!

Der Soundtrack der Stunde: Vera, mit „In-Team“. Und ich kann auch nach 17 Jahren noch jedes Lied auswendig (und lauthals) mitsingen. 🙂

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Aus aktuellem Anlass

Wir sind begeistert, wie viele Freunde und Interessierte hier mitlesen! Danke für euer Mitfiebern!

Aber, und dieser Hinweis geht in erster Linie an die Kollegen von der Presse:
Wir haben auf unserem Blog nicht umsonst einen Copyright-Hinweis veröffentlicht. Die KOMMERZIELLE Weiterverwendung unserer Bilder sowie unserer Texte ist widerrechtlich und hat Konsequenzen. Herzlichen Dank für das Respektieren dieser Tatsache!

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